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Rückblick: Smart Grids-Gespräche zum Thema "Smarte Quartiere erleben – von der Vision zur Umsetzung."

Führt die digitale Transformation die Energiewende zum Erfolg? Mit dieser Leitfrage beschäftigten sich die vergangenen Smart Grids-Gespräche in Karlsruhe.

Auch diese Veranstaltung vom Montag, 8. Juli 2019 wurde organisiert von der Smart Grids-Plattform Baden-Württemberg e.V. in erfolgreicher Kooperation mit fokus.energie e.V. und IHK Karlsruhe.

Klimaschutz nimmt seit den Fridays for Future Demos und der letzten Europawahl einen breiten Raum in der öffentlichen Debatte ein. Alle Parteien positionieren die Erreichung der Klimaschutzziele neu in ihren politischen Programmen.

Aber wie steht es aktuell um die notwendige Energiewende?

Im Stromerzeugungsbereich ist die Energiewende gut vorangekommen. 2018 lag der Anteil der Nettostromerzeugung aus Erneuerbaren bei 40,2%. Im gesamten ersten Halbjahr 2019 machten die Erneuerbaren mit 47,8 % bereits knapp die Hälfte der Stromerzeugung aus, im Juni hatten die Erneuerbaren sogar einen Anteil von 52%. Im Wärmebereich und im Verkehrssektor dagegen stagniert die Energiewende.

Wie kann es jetzt weiter gehen? Welche Rolle am Erfolg der Energiewende können sogenannte „smarte Quartiere“ spielen? Darum ging es in der gemeinsamen Veranstaltung der beiden baden-württembergischen Energienetzwerke Smart Grids-Plattform Baden-Württemberg e.V.  und fokus.energie e.V. an der IHK Karlsruhe.

In sechs Vorträgen wurden smarte Quartiere durch alle Phasen von der Ausgestaltung des Bebauungsplans bis zum Betrieb beleuchtet. Es wurde aufgezeigt wie sich smarte Quartiere in der Praxis bewährt haben und welches Potential noch in ihnen schlummert.

 

Die Energiewende muss die Städte erobern

Der Ausbau der Erneuerbaren erfolgte bis jetzt schwerpunktmäßig auf dem Land. Um die Energiewende weiter voranzubringen und die Klimaschutzziele 2050 zu erreichen, war es Konsens unter den Referenten, dass die Energiewende die Städte erobern muss. Smarte energieoptimierte Quartiere bilden das erfolgsversprechende Konzept, dieses Ziel im urbanen Raum zu erreichen. Dabei müssen Wirtschaftlichkeit, Nutzerfreundlichkeit und Netzdienlichkeit im Vordergrund stehen.

 

Smarte Quartiere sind der Schlüssel für den urbanen Raum

Smarte Quartiere werden mit erneuerbarer Energie lokal versorgt. Geeignete Quartiersspeicher, ein integriertes Energiemanagement und Sektorkopplung sorgen dafür, dass der Strom zum größten Teil selbst verbraucht, in Wärme umgewandelt oder zum Laden von Elektroautos verwendet wird. Die Flexibilität der smarten Quartiere kann dabei auch netzdienlich zur Stabilisierung der regionalen Stromnetze genutzt werden.

 

Smarte Quartiere bieten eine Fülle neuer Geschäftsmodelle

Smarte Quartiere bieten große Chancen für Stadtwerke, ihr traditionelles Geschäftsmodell des „Stromverkaufes“ abzulösen. Diese neuen Geschäftsmodelle erfordern nämlich technisches und energiewirtschaftliches Knowhow und eine vertrauensvolle Präsenz vor Ort. Hier sind die Stadtwerke bereits sehr gut aufgestellt. Wenn es ihnen gelingt, die bestehenden Contracting-Lösungen systemisch zu integrieren, sie zu digitalisieren und mit neuen Services zu kombinieren, dann entstehen in smarten Quartieren lukrative Geschäftsmodelle, die einen dreifachen Win ermöglichen:

  • die Erreichung der Klimaschutzziele für die Gesellschaft
  • eine Erhöhung der Lebensqualität für die Bewohner
  • neue rentable Produkte und Dienstleistungen für Stadtwerke

Die Thesen der Veranstaltung

Jochen Ehlgötz, Geschäftsführer der Technologieregion Karlsruhe (TRK), stellte die Energiestrategie der Region vor, mit der die TRK Vorreiter für den Klimaschutz werden möchte. Die TRK ist mit ihrer Forschungskompetenz und Digitalindustrie bereits heute der Hotspot für innovative Energielösungen. Ziel ist es, in und um Karlsruhe Leuchtturmprojekte zu schaffen, die als sogenanntes Living-Lab für CO2 neutrale Zukunftsquartiere und als Modell für den Lebens- und Wirtschaftsraum von morgen dienen. Damit trägt Karlsruhe doppelt zur Erreichung die Klimaschutzziele 2050 bei: als Klimaschutz-Akteur und als Exporteur von Lösungskonzepten. Karlsruhe wird so zum weltweit sichtbaren Pionier für die Energiewende.

Bernhard Rindt, Geschäftsführer der egrid applications & consulting GmbH und Spezialist für Planungsprozesse, betonte, dass die Weichen für ein smartes Quartier idealerweise schon sehr frühzeitig von den Kommunen im Planungsprozess aufgenommen und z.B. mit dem Bebauungsplan konkretisiert werden sollen. Hier läge der Schlüssel für erfolgreiche smarte Quartiersprojekte.

Jonas Vöhringer von Seven2one GmbH lieferte einen Überblick über die neuen Geschäftsmodelle im smarten Quartier und zeigte deren Ausgestaltungsmöglichkeiten und Geschäftspotentiale für die Stadtwerke. Er betonte die Strategie, Energie-Contracting-Lösungen zu nutzen, eine digitale Kundenbeziehung zu den Kunden zu etablieren und eine konsolidierte zentrale Datenbasis zu schaffen. Dies sei die notwendige Grundlage für weitere neue Dienstleistungen wie Mobilitätsangebote, Online-Abrechnung, Smart Home und andere Informationsdienste.

In der Pause konnten sich die Teilnehmer bei Melanie Peschel, der Leiterin des Arbeitspaketes zur Partizipationsarbeit im BMWi-geförderten SINTEG Schaufensterprojekt „C/sells“, informieren, wie Bürger und Beteiligte die Energiewende wahrnehmen und zum aktiven Mitmachen motiviert werden können. Sie berichtete dabei aus Erfahrungsberichten mit neun C/sells-Citys und betonte, dass das Herstellen eines konkreten persönlichen Bezugs zur Energiewende sowie ein nicht-technische gut verständliche Erläuterung der Zusammenhänge wesentlich für die erfolgreiche Einbeziehung der Bürger seien.  

Heinz Hagenlocher von der Avat Automation GmbH stellte das bereits realisierte Projekt Urbanharbor in Ludwigsburg vor, wo in einem alten Industrieareal eine integrierte Energieinfrastruktur für smarte Quartiere aufgebaut wurde. Die Voraussetzungen in den Bestandsgebäuden stellten dabei etliche Hürden dar, die auch zu Einschränkungen im vormals geplanten Konzept führten. Eine wärmedämmtechnische Ertüchtigung der Gebäudehülle war nur in Grenzen möglich und die Statik der alten Hallen verhinderte einen großflächigen Ausbau von Photovoltaik. Das Projekt Urbanharbor stellt ein hervorragendes Beispiel dar, wie das Potential zur energetischen Optimierung auch im Altbestand entfaltet werden kann. Weiterhin zeigt dieses Projekt, dass ein smartes Quartier nicht unbedingt in einem Durchgang, sondern in Schritten realisiert werden kann.

Sascha Maier vom Bürgermeisteramt Ötigheim berichtete aus seiner planerischen Praxis, wie die Gemeinde Ötigheim den Klimaschutz voranbringt, indem im Bestandsgebiet systematisch alle Optionen für klimaschutzfreundliche Energiequartiere evaluiert und entwickelt werden. Sein Fazit war, dass auf jeden Fall professionelle Unterstützung von entsprechenden Planungsbüros genutzt werden sollte, um die in Gemeindeverwaltungen angesiedelten Kompetenzen zu ergänzen.

Heinz Hanen, Geschäftsführer der evohaus sowie evohaus IRQ GmbH und Jörg Schmidt, technischer Bereichsleiter der evohaus IRQ GmbH, stellten ihr Konzept vor, energieautarke Quartiere mit sozialverträglichen Kosten im Neubau und im Altbestand zu realisieren. Anhand eines bereits bewohnten smarten Quartiers in Mannheimer Konversionsareal FRANKLIN (ehem. Franklin Village), in der die Bewohner in einer Energiegewinngemeinschaft organisiert sind, zeigten sie, wie kostengünstig Energieversorgung sein kann, wenn das Energiequartiersmanagement von Anfang an mit entwickelt wird. Die für die Bewohner des Quartiers tatsächlich sehr günstigen Nebenkosten für Energie zeigen, dass das Konzept sich in der Praxis bewährt hat. Die niedrigen Energiekosten waren neben dem guten Gefühl der dezentralen Versorgung und persönlichem Beitrag an lokaler Energiewende das Schlüsselargument für die Akzeptanz der Bewohner im Hinblick auf die eingesetzte Technologie.

Die Veranstaltung schloss mit einer lebhaften, fast einstündigen Podiumsdiskussion mit den Referenten und dem Publikum. Konsens war am Schluss, dass smarte Quartiere wegen der vielen Stakeholder hochkomplexe Projekte sind und eine breit angelegte, interdisziplinäre Kompetenz benötigen, um erfolgreich umgesetzt zu werden. Die in den Vorträgen vorgestellten Pilotprojekte haben jedoch den Praxisnachweis erbracht, dass das Konzept der smarten Quartiere funktioniert und wirtschaftlich ist - wenn es gelingt, die vielen Hürden erfolgreich zu nehmen.

Kompetenzen zum Themenkomplex intelligenter Energienetze zusammen zu bringen und für einen fruchtbaren Erfahrungsaustausch zu sorgen - das sehen die beiden Netzwerke Smart Grids-Plattform Baden-Württemberg e.V. und fokus.energie e.V. als ihre zentralen Aufgaben an, die sie in Zukunft weiter verstärken wollen.